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Gegenbilder zu einem rot-weiß-roten Credo.

Ein Editorial

Von Martin Wassermair und Katharina Wegan. Erschienen in: Martin Wassermair/Katharina Wegan (Hrsg.), rebranding images. Ein streitbares Lesebuch zu Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in √Ėsterreich, Studienverlag (2006)

Die Rekonstruktion von Vergangenheit findet im Zeitalter der Massenmedien reichhaltige M√∂glichkeiten, emotional aufgeladene Bilder vorzuf√ľhren, die sich schlie√ülich tief in das kollektive Ged√§chtnis der Gesellschaft einschreiben. Und tats√§chlich: Im so genannten "Gedankenjahr 2005" erlebte √Ėsterreich eine ungew√∂hnliche Verdichtung von Ausstellungen, TV‚ÄĎDokumentationen und Druckwerken, die vor allem die Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 – und nicht das Jahr 1945 – als Freiheitsmarke und zentralen Ged√§chtnisort der Zweiten Republik zum Inhalt hatten. Eine Schlussfolgerung muss sein, kontroversielle Positionen vorzustellen und weitere Diskussionsfelder zu er√∂ffnen.
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"Wir erleben wirklich einen Clash of Civilizations", schreibt der bekannte italienische Philosoph und politische Publizist Paolo Flores d'Arcais in seinem aktuellen Buch Der Souver√§n und der Dissident, "aber im Westen selbst, zwischen der Demokratie als blo√üem Geschw√§tz des Establishments, das ihre Prinzipien im M√ľll seines t√§glichen Regierens zertrampelt, und der beim Wort genommenen Demokratie mit ihren unbeugsamen substantiellen Forderungen".

rebranding images ist diesem Spannungsfeld unmittelbar entsprungen. Als ein Streitbares Lesebuch zu Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in √Ėsterreich setzt der nun vorliegende Essay-Band eine Vielzahl von k√ľnstlerischen, kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Projekten fort, die bereits im Fr√ľhjahr 2004 ihren Auftakt genommen haben, nachdem erstmals Pl√§ne der Bundesregierung bekannt geworden waren, sich im Jahr 2005 an einem nationalen Festakt enormen Ausma√ües zu versuchen. Die damals ins Leben gerufene Aktionsplattform war von der Bef√ľrchtung getragen, dass der bevor stehende Reigen an Feierlichkeiten (60 Jahre Wiederherstellung der Republik, 50 Jahre Staatsvertrag, 10 Jahre EU-Beitritt) sowie die damit einher gehenden historischen Erz√§hlungen in erster Linie dem national-konservativen Interesse der Regierenden dienen – und nicht, wie uns das Veranstaltungsmarketing von ORF und Bundeskanzleramt glauben machen wollte, einer Sch√§rfung des kritischen Denkens oder einer differenzierten Betrachtung der Geschichte dieses Lands und seiner politischen Kultur.

Jubil√§en zielen auf positiv erlebbare Wahrnehmungswelten ab, nicht zuletzt deshalb ist der Anspruch aufkl√§rerischer Betrachtungsweisen mit Inszenierungen von Macht und Herrschaft nicht vereinbar. Sie trachten danach, Gemeinschafts- und Zusammengeh√∂rigkeitsgef√ľhle √ľber ritual-√§hnliche Handlungen zu erzeugen. Die Rekonstruktion von Vergangenheit findet vor allem im Zeitalter der Massenmedien reichhaltige M√∂glichkeiten, emotional aufgeladene Bilder vorzuf√ľhren, die sich schlie√ülich tief in das kollektive Ged√§chtnis der Gesellschaft einschreiben. Und tats√§chlich: Im so genannten "Gedankenjahr 2005" erlebte √Ėsterreich eine ungew√∂hnliche Verdichtung von Ausstellungen, TV‚ÄĎDokumentationen und Druckwerken, die vor allem die Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 – und nicht das Jahr 1945 – als Freiheitsmarke und zentralen Ged√§chtnisort der Zweiten Republik zum Inhalt hatten. Gem√ľsebeete am Heldenplatz, nachgestellte Bombenn√§chte als Multimedia-Spektakel sowie weidende K√ľhe vor dem Belvedere folgten vor allem einem Zweck: Den "Opfermythos" in volksfestartigen Massenveranstaltungen zu einer gemeinschaftlichen "Erfolgsgeschichte" der Nachkriegsgenerationen umzudeuten und dabei in ein rot-wei√ü-rotes Credo einzurahmen, das als verbindliches Paradigma weit √ľber das Jahr 2005 hinaus seine politische und kulturelle Wirkung entfalten sollte.

√Ėsterreich bildet in dieser Hinsicht keinen Sonderfall. Im Schatten der sozialen und demokratiepolitischen Krisen der europ√§ischen Integration liegt die R√ľckkehr zu Identit√§tspolitiken und Geschichtsdeutungen unter nationalistischen Gesichtspunkten ungebrochen im Aufw√§rtstrend. Es bleibt somit auch hier zu Lande dringend geboten, Sichtweisen zu entwickeln, die sich von den gel√§ufigen Narrativen grundlegend unterscheiden. Auch dieses Buch hat es sich zur Aufgabe gemacht, der zweifelhaften Darstellung einer heroischen Nachkriegsgeschichte, die im "Gedankenjahr 2005" einen neuen H√∂hepunkt erfahren musste, der bewussten Ausblendung der NS-Kontinuit√§ten sowie dem zunehmend provinziellen Chauvinismus mit Positionen entgegen zu treten, die den hegemonialen Auffassungen eine klare Absage erteilen und auch deshalb kaum Zug√§nge zu massenmedialen Informations- und Verbreitungskan√§len finden k√∂nnen. Schon die Wahl des Buchtitels soll in Erinnerung rufen, dass nicht Resignation die Konsequenz auf das Ungleichgewicht der Machtverh√§ltnisse in Politik und Medien sein darf, sondern politisches Handeln vor allem auch Initiativen in der Bild- und Bedeutungsproduktion erfordert. L√§ngst schon haben sich √Ėsterreichs f√ľhrender Geschichtenerz√§hler Hugo Portisch und seine Fernsehdokumentationen wie langlebige Brandings in unsere K√∂pfe eingeschrieben. Nun gilt es, dagegen zu halten und Gegenbilder in Umlauf zu bringen, um die Zeichensysteme, die auch als Grundlage jeder Identit√§tskonstruktion und Nationalgeschichte zu betrachten sind, offen zu legen und direkt und eigenm√§chtig in sie einzugreifen.

rebranding images setzt sich mit Ged√§chtnispolitik und ihrer Einbettung in das System nationalstaatlicher Politik auseinander, die auch nach dem "Gedankenjahr 2005" nichts an ihrer Bedeutung eingeb√ľ√üt hat. Die Debatten um die Restitution der Klimt-Bilder, das "Haus der Geschichte" sowie um das NS-Verbotsgesetz belegen, dass auch √ľber 2005 hinaus die diskursive Konfrontation mit der Produktion von Identit√§tsbildern und historischen Mythen einer Fortf√ľhrung bedarf, die insbesondere auch zu Fragen der historischen Verantwortung, Wiedergutmachung und politischem Neubeginn Stellung beziehen muss. rebranding images m√∂chte dazu einen Beitrag leisten – nicht zuletzt in der Hoffnung, dass in Hinblick auf das Jahr 2008 und die damit einher gehende Erinnerung an die Ausl√∂schung der staatlichen Souver√§nit√§t √Ėsterreichs im Jahr 1938 sowie den damit einsetzenden NS-Terror erneut eine Politik der Einmischung und Intervention in den √∂ffentlichen Diskurs in die Wege geleitet wird.

Dementsprechend versammelt rebranding images literarische Texte, Essays und wissenschaftliche Analysen, die deutungsmächtige Erzählungen dekonstruieren, zugleich aber auch in Gegenposition zueinander stehen. Ein streitbares Lesebuch, als das sich rebranding images versteht, will also nicht den kritischen "Gegen-Blick" auf die hegemoniale Geschichts- und die Bedeutungsproduktion vereinheitlichen. Vielmehr geht es darum, kontroversielle Positionen vorzustellen und damit weitere Diskussionsfelder zu eröffnen.

So stellt rebranding images inhaltlich zun√§chst eine Auswahl von Beitr√§gen bereit, die entweder schon im Vorfeld oder im Lauf des Jubil√§umsjahrs verfasst und in der Zeitschrift Kulturrisse ver√∂ffentlicht wurden bzw. auf der Internet-Plattform oesterreich-2005.at abrufbar sind. Sie veranschaulichen die Erwartungen sowie auch Bef√ľrchtungen einer kritischen √Ėffentlichkeit bzw. deren "frische" Reaktionen auf Veranstaltungen und Ereignisse des so genannten "Gedankenjahrs". Daran f√ľgen sich allgemeine Analysen des Jubil√§umsreigens, die bereits aus der Distanz den Blick zur√ľck auf die H√∂hen und Tiefen des Jahrs 2005 werfen und sie in ein (historisches) Kontinuum der √∂sterreichischen Erinnerungskultur und Ged√§chtnispolitik einbetten. Anschlie√üend finden Beitr√§ge zu Debatten Platz, die w√§hrend des so genannten "Gedankenjahrs" aufbrachen und – wie etwa die Frage der vollst√§ndigen Anerkennung der in der Verfassung festgelegten "Minderheitenrechte" – bis heute nichts an Aktualit√§t eingeb√ľ√üt haben. Sie zeigen die Leerstellen in den aktuellen Vergangenheitserz√§hlungen der Deutungsm√§chtigen auf und stehen somit auch im Kontrast zur medialen Geschichtsvermittlung und rot-wei√ü-roten Heimat-Politik im ORF-Fernsehen. Strategien gegen die im offiziellen "Gedankenjahr" produzierten Geschichtsbilder haben verschiedene Gruppen zu entwickeln versucht. Einige Beispiele stellt rebranding images vor und geht auch der (theoretischen) Frage nach, wie im Streben nach Repr√§sentation der Falle, nur des Alibis wegen in die hegemoniale Erinnerungs- und Bedeutungsproduktion Eingang zu finden, entkommen werden k√∂nnte. Schlie√ülich geht es – vor allem f√ľr minorit√§re Positionen und Gruppen – darum, eigene Bilder und Erz√§hlungen bekannt zu machen und so ihren legitimen Platz in der Gesellschaft zu behaupten. – (Nationales) Zugeh√∂rigkeitsgef√ľhl will eben auch sichtbar gemacht werden. Daher schlie√üt dieses streitbare Lesebuch auch mit der Frage nach dem Wesen nationaler Identit√§t, ihrer Aktualit√§t bzw. √úberholtheit in Zeiten der Globalisierung und nach der Bedeutung von patriotisch-emphatischer √Ėsterreich-Gesinnungs-Produktion – etwa in Literaturkanons und Geschichtsh√§usern.

"Die Demokratie" schreibt Paolo Flores d'Arcais, "ist ein Projekt f√ľr die gesamte Menschheit, andernfalls ist sie das hassenswerteste Privileg: eine Menschheit in unterschiedlichen H√∂llenkreisen, des Have and Have-not, hier unser reiches Purgatorium, dort ihre H√∂llen, eine ungeheuerliche – die globale – Verh√∂hnung des demokratischen Universalismus". In diesem Sinn bleibt nur zu w√ľnschen, dass auch dieses Buch Denkanst√∂√üe und Impulse f√ľr eine Vielzahl politischer Aktivit√§ten bereit stellen kann. Gesellschaftliche Teilnahme darf schlie√ülich vor dem Terrain der Konflikte um historische Deutungshoheit und eines kritischen Umgangs mit Identit√§tspolitiken, die unter der Flagge des Clash of Civilizations zunehmend in reale Kriege m√ľnden, nicht Halt machen. Andernfalls bleibt uns auch hier in √Ėsterreich der H√∂llenkreis einer endg√ľltigen Verh√∂hnung der demokratischen Kultur nicht erspart.


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